Harte Zeiten für Oblomow

Hallo? Hallo! Hört mich jemand? Seit zwei Tagen sitze ich fest hier im Staub. Die Menschen sollten es nicht auf die Gräser schieben, wenn sie tränende Augen und dicke Nasen haben, sondern unter ihren Betten putzen. Vermisst mich denn keiner? Gestern schöpfte ich kurz Hoffnung. Ein Besen glitt mit leisem Murmeln über das Parkett, schwenkte ein in mein Verlies. Aber statt mich zärtlich zwischen seine Borsten zu klemmen, drehte er eine Pirouette und verschwand im Hellen.

»Hat einer mein Buch gesehen?« Eine tiefe Menschenstimme raspelt durch den Raum.

»Was für ein Buch?«, fragt eine feine, hellere Stimme.

»Den Russen!«

»Was für einen Russen?«

»Weiß nicht, hab den Namen vergessen. Im Titel sind eine Menge O´s«, sinniert die dunkle Stimme.

Ich kann nicht glauben, dass sie einen hanebüchenen Dialog führen, statt mich zu retten.

»Mach doch bitte den Wein auf, das Essen ist gleich fertig,« gibt die helle Stimme zur Antwort.

Das war´s. Ich bin verloren. Wieder steht mir eine staubige Nacht bevor ohne meine Kollegen auf dem Regal. Besonders meine französischen Freunde vermisse ich so sehr, dass es fast weh tut. Nach endlosen Stunden graut ein neuer Tag.

»Aufräum-Samstag«, säuselt die helle Stimme.

»Okay, verticken wir die alten Schinken!«

Alte Schinken? Der Menschenmann sitzt auf dem Boden, sein Laptop auf den Knien. »Kann alles weg!«, grunzt er.

»Ich helfe dir«, schmeichelt die Menschenfrau und diktiert die mir vertrauten ISBN-Nummern in sein Ohr.

Der Mann tippt. Dann erfolgt das Urteil aus den Tiefen des worldwide web. Buchhaufen wachsen in die Höhe: Ein kleiner Stapel für den Verkauf, ein großer Stapel für den Papiercontainer, ein winziger Stapel zum Verbleib. Ich spüre, wie mir kalt wird zwischen den Seiten, wie Angst mir durch die ledrige Haut fährt. Ganz klein mache ich mich und bin froh, dass ich nicht atmen muss. Der große Stapel kippt, das oberste Buch schlittert unter die Couch, direkt vor meinen Kopfschnitt.

»Hallo«, flüstere ich.

»Ca va?«, flüstert es zurück.

»Etes-vous francais?«

»Oui, aber in deutscher Übersetzung«, kommt es sanft zurück, »mein Name ist Bovary, Madame Bovary.«

»Ich bin entzückt, Oblomow mein Name, ebenfalls in deutscher Übersetzung.«

Wir schweigen während unsere Freunde vom großen Stapel in einer Plastikwanne verschwinden und die vom kleinen Stapel in Kartons auf Reisen gehen.

»Harte Zeiten«, hauche ich in ihre Deckelbordüre.

»Hm, hm«, murmelt Madame Bovary und pustet den Staub zur Seite, um mich besser sehen zu können. Aneinandergeschmiegt verbringen wir die Nacht.

 

 

Nachtrag: Was soll ich sagen, einen Monat später sind wir zu dritt. Wir lieben unser Reclamheftchen und wissen es sicher in unserem trüben Dunkel.

 

 

Aus: Allitera Verlag (Hrsg.): Buch Augen Blicke. Die Gewinnertexte 2016, Freiburg 2016